Altherrenabend der Burschenschaft Hasenlauf am I. VIII MCMXCVIII im Schützenhaus Biedenkopf Vortrag von Georg A. Kötteritzsch aus Biedenkopf: "Zur Geschich- te und Bedeutung des Liedes 'O alte Burschenherrlichkeit'" Hoher erster Führer, verehrter zweiter Führer, dritter Führer, Burschen und Alte Herren der Burschenschaft Hasenlauf! Nicht ohne mich zuvor zu stärken. Wenn im Folgenden über die Geschichte und die Bedeutung des Liedes "O alte Burschenherr- lichkeit" referiert wird, so hat dies schon deshalb sein gutes Recht, weil dieses Lied ganz zweifelsohne zu jenen zählt, die sich während des Grenzgangsfestes, das alle sieben Jahre statt- findet, aber das nur en passant, der größten Beliebtheit erfreu- en, also zum etablierten Liedgut gehört. Ein Blick in das Proto- kollbuch unserer Burschenschaft aus dem Jahre 1984 verrät, daß die Burschenherrlichkeit während der sechs inoffiziellen - das waren noch Zeiten - und zehn offiziellen Versammlungen insgesamt fünfzehn Mal gesungen wurde, was eine beachtliche Quote dar- stellt, die die Frage geradezu provoziert, wie die Beliebtheit dieses Evergreens, man entschuldige die etwas saloppe Formulie- rung, aber ich zähle zu den liberalen Grenzgängern, zu erklären ist. Bei "Lilli Marleen", dem erfolgreichsten Lied des 20. Jahrhunderts, fällt die Antwort nicht schwer: der Erfolg liegt in der Melodie von Norbert Schulze begründet und nicht in dem etwas sentimental anmutenden Text von Hans Leip. Bei der Bur- schenherrlichkeit liegt der Sachverhalt anders. Ich behaupte, daß Text und Melodie eine Einheit bilden und sie nur zusammen den Erfolg ausmachen. Insofern stellt sich von vornherein die Frage nach dem Dichter. Ich darf an dieser Stelle vorausschik- ken, daß der Komponist unbekannt ist. Fest steht lediglich, daß die Melodie vor 1843 entstand und damit dem Text nachfolgte. Mehr ist über den Dichter Eugen Höfling bekannt - nicht zu- letzt dank des Burschen Henkel, was an dieser Stelle ausdrück- lich Erwähnung finden soll. Eugen Höfling wurde am 5. Oktober 1808 in Fulda als Sproß einer aufstrebenden Großbürgerfamilie geboren. Hier - und nicht in Marburg - schrieb Höfling noch als Gymnasiast jenes Lied, das ihn drei Gedenktafeln einbrachte: ei- ne in Fulda, eine in Eschwege, wo Höfling lange Jahre als Arzt tätig war, und eine in Marburg. In der Wettergasse 16, der dama- ligen Studentenbude Höflings, ist noch heute zu lesen - sofern die Tafel nicht wie üblich mit roter Farbe beschmutzt ist, was ich nicht weiter kommentieren möchte: "Hier wohnte von 1826 bis 1828 Eugen Höfling. Dichter des Liedes 'O alte Burschenherrlich- keit' und Mitglied der alten Marburger Burschenschaft. Gewidmet von der Burschenschaft Arminia 1895." Zu dieser Zeit gehörte Höflings Lied bereits zum festen Kanon studentischen Liedgutes, und die Marburger Korporationen machten es auch in Biedenkopf auf ihren alljährlichen Ausflügen, genannt "Schnepfter", und auf dem ebenfalls einmal im Jahr stattfindenden Frühschoppen auf dem Marktplatz bekannt, und so fand diese Lied Eingang in unser Grenzgangsrepertoire. Doch zurück zu Höfling, der nicht nur auf die Welt kam, um die Burschenherrlichkeit zu schreiben. Der weitere Lebensweg Höf- lings war weit weniger romantisch, als es die Strophen seines Liedes sind. Gleichwohl war seine Vita nicht unüblich für einen Burschenschafter des 19. Jahrhunderts, die politisch überwiegend der Linken zuzuordnen waren und deren Forderung: Freiheit, Ehre, Vaterland der Restauration mehr als einmal zu empfindlichen Re- pressalien Anlaß gaben. Ich erinnere an dieser Stelle nur an die Karlsbader Beschlüsse von 1819 und die Demagogenverfolgung. Auch Höfling mußte während seines späteren Berufslebens - er promo- vierte 1830 zum Dr. med. (Thema: "De Ichthyosi praemisis nonnul- lis de cutis affectionibus in genere", zu gut deutsch: "Über die Fischschuppenerkrankung der Haut - Übersetzung von mir) und praktizierte jahrelang in Fulda und Eschwege, zuletzt als Sani- tätsrat - die Erfahrung machen, daß die frühere Aktivität in ei- ner Burschenschaft dem beruflichen Fortkommen nicht immer för- derlich war, um es etwas vorsichtig zu formulieren, und es be- darf wenig Phantasie, sich vorzustellen, wie sich Höfling als fortschrittlicher Mensch, der er ganz ohne Zweifel war, gefühlt haben muß, wenn er sich mehr als einmal mit den Floskeln: "Durchlautigster Kurprinz, Mitregegent und Herr" und "untertä- nigst Eure königliche Hoheit zu bitten, Höchstderselbe möge gnä- digst geruhen", bewerben mußte - gerade ob seiner studentischen Vergangenheit, die ihn als einen Vorläufer der 68er erscheinen läßt - cum grano salis natürlich. Ich nehme an, daß auch dies der Grund war, warum Höfling als Kandidat für das Bürgermeisteramt in Fulda und als Deputierter der kurhessischen Städteversammlung scheiterte, was jedoch sei- nen politischen Aktivitäten in der Nationalliberalen Partei kei- nen Abbruch tat. Das galt auch für sein Engagement in der kur- hessischen Eisenbahnkommission. Höfling zählte zu den entschie- dendsten Befürwortern einer Trassierung über Hünfeld, denn er war der Überzeugung, daß das Zeitalter der Dampfeisenbahnen die Weisheit, daß der Mensch nicht nur zur körperlichen Arbeit ge- boren werde - wer will ihm da widersprechen? (Prost) -, vollauf bestätige. Es war insofern für ihn eine Genugtuung, daß noch zu seinen Lebzeiten Hünfeld an das Eisenbahnnetz angeschlossen wur- de und sich seine Prognose vom 19. Jahrhundert als einem Zeital- ter technischer und industrieller Innovationen erfüllte. Als Höfling am 21. Juli 1880 nach kurzer Krankheit zur großen Armee abberufen wurde, endete ein hochinteressantes, an Höhen und Tie- fen reiches Leben, das hier nur in Ansätzen skizziert werden konnte. Die Tatsache, daß seinem Sarg eine große Trauergemeinde folgte - unter ihnen auch der katholische Dechant, und das ob- wohl Höfling exkommuniziert war, machte deutlich, daß der Dich- ter der Burschenherrlichkeit zu den ersten Honoratioren seiner Heimatgemeinde zu zählen war. Im übrigen erfolgte die Exkommuni- kation, weil Höfling eine protestantische Frau ehelichte und seine Kinder in diesem Glauben erzog. Dafür habe ich größtes Verständnis. Ich möchte am Schluß dieser biographischen Skizze - nicht meiner Ausführungen - aus den Lebenserinnerungen von Otto Heinemann, dem Vater des späteren Bundespräsidenten, zitieren, der als Heranwachsender im Hause des Sanitätsrats Höfling ver- kehrte und dem wir eines der ganz wenigen authentischen Zeugnis- se über Eugen Höfling verdanken. Heinemann schreibt: "Während meiner Schulzeit habe ich durch regelmäßigen, sozusagen tägli- chen Besuch (im Orginal: Verkehr) im Hause Höfling große Anre- gungen und Belehrungen mit starker erziehlicher und fortbilden- der Wirkung empfangen ..." Ohne Höfling kein Bundespräsident Heinemann? Ich komme damit zum zweiten Teil meiner Ausführungen, der inhaltlichen Analyse. Bereits die ersten Worte der ersten Strophe sind von inhalts- schwerer Bedeutung, denn wir sehen uns urplötzlich mit der Frage konfrontiert, wie alt denn diese Burschenherrlichkeit ist, deren Spur Höfling in einem übertragenen Sinn nicht mehr findet. Man könnte hier wie so oft mit einem Asterix-Zitat antworten. Die wahren Asterix-Exegeten wissen, auf welches Zitat ich anspiele. Aber zurück zum Text. Der Begriff 'Bursche' leitet sich ab vom mittelhochdeutschen Wort burse, dieses wiederum vom lateinischen Substantiv bursa. Im 15. bis 17. Jahrhundert bezeichnete die Burse das Studentenheim, in dem die Burschen - wie die damalige Bezeichnung für die Studierenden einer Universität lautete - unter Anleitung eines magister regens, eines regierenden Meisters, also eines ersten Führers, um einmal in der Bildlichkeit des Grenzgangs zu bleiben, lebten. Die Burse selbst war nach lands- mannschaftlichen Prinzipien aufgebaut, das heißt Studenten, die aus der gleichen Region kamen, wohnten zusammen in einer Burse. Zweierlei wird deutlich: die Burschenherrlichkeit läßt sich bis ins hohe Mittelalter zurückverfolgen, und die Burse war das Vor- bild der ersten studentischen Verbindungen, der alten Landsmann- schaften, die im 17. Jahrhundert entstanden und aus denen später die Corps, die heute mit dem Kösener Senoiren-Convents-Verband, dem KSCV, den bedeutensten Dachverband der Korporationen stel- len, und die Burschenschaften hervorgingen. Ausdrücklich sah sich die Jenenser Urburschenschaft von 1817 der Tradition der mittelalterlichen Bursen verpflichtet, und zwar im Sinne des Einheitsgedankens. Die Jenenser Urburschenschaft definierte sich ausdrücklich als die Burschenschaft aller Studierenden der Uni- versität Jena. Das sieht heute ganz anders aus. Und von der Veränderung der Dinge handelt auch der Refrain: o jerum jerum jerum, o quae mutatio rerum. "Jerum" selbst ist ohne jede Bedeutung und nur stilistisch von Interesse. Es reimt sich auf rerum. Die drei lateinischen Worte haben folgende Bedeutung: "quae" ist ein pronominales Adjektivum in der Bedeutung "wel- che", "mutatio" ist das dazugehörende Nomen, in diesem Fall ein weiblicher Nominativ Singular, zu übersetzen mit "Veränderung", bei "rerum" handelt es sich um einen Genitivus subjektivus Plu- ral, zu übersetzen mit "der Dinge", also bedeutet "quae mutatio rerum" nichts anderes als "welche Veränderung der Dinge". Ich komme zur zweiten Strophe. Mit "Hut" ist hier nicht die Kopfbedeckung der Mitglieder einer Verbindung gemeint, sondern das mittelalterliche Hoheitsabzeichen der Angehörigen einer Uni- versität, aus dem sich später freilich die Mütze, also das Kopf- coleur der farbentragenden Verbindungen entwickeln sollte. "Flaus", oder genauer: "Flausch" bezeichnet in unserem Zusammen- hang einen Streichgarnstoff für Mäntel, wie ihn viele Studenten zu Höflings Zeiten trugen. Kommers ist eine feierliche Kneipe, die in der Theorie gesitter und stillvoller ablaufen sollte als eine "normale" Kneipe, in deren Mittelpunkt das gesellige, auch bierseelige Gespräch steht. Wichtig ist an sich nur, daß Kommers nicht mit Kommerz zu verwechseln ist, auch wenn beide Begriffe sich nicht immer auseinanderdividieren lassen. Oft genug ist der Kommers Kommerz und umgekehrt. Rapier und Sporen sind, um die Analyse der zweiten Strophe fortzusetzen, Bestandteile des Wich- ses, das heißt der Uniform der Verbindungen, die zu besonders feierlichen Anlässen getragen wird: beispielsweise zum Kommers. Bei Rappier handelt es sich um einen Schläger, also eine Hieb- waffe, die von manchen Verbindungen praktisch, von anderen nur theoretisch benutzt wird. Ich verbinde damit ausdrücklich keine Wertung. Mit Sporn, wie es korrekt heißen muß, ist eine Metall- bügel nebst Rädchen, das sogenannte Spornrad, gemeint, das an den Stiefeln befestigt wird (wer es etwas plastischer wünscht, der möge sich jetzt bitte an Wildwestfilme à la John Wayne erin- nern). Ad drei, das heißt zur dritten Strophe. Mit "breiten Stein" ist nicht die Stadtteilgemeinde Breidenstein gemeint. Der breite Stein war vielmehr eine äußerst nützliche Einrichtung des Mit- telalters. Zu einer Zeit, als es üblich war, Fäkalien die Stra- ßen hinunterzuspülen, sollte sich der breite Stein bei der Über- querung derselben als eine sehr hilfreich Erfindung erweisen. Es handelte sich also um einen Überweg. Das Passieren dieses Über- wegs war aber auch nicht gefahrlos. Oft genug geschah es, daß sich Burschen beim Überqueren anrempelten, was das Ziehen des Degens zur Folge hatte, den jeder Bursche im Mittelalter berech- tigt war zu tragen. Nicht selten landete dann einer der Kontra- henten dort, wo es ganz besonders abscheulich stank. Deshalb heißt es in der Strophe auch: "nicht wankten und nicht wichen", wobei nach mancher Versammlung das Verb "schwanken" eine tief- sinnigere Bedeutung hätte. Erklärungsbedürftig sind noch die Be- griffe "Moos und Philister". Moos ist hier eine volkstümliche studentische Bezeichnung für Geld. Philister werden die Alten Herren einer Verbindungen genannt. Nach erfolgreichem Abschluß bzw. einer gesicherten Lebensstellung erfolgt die Philistrie- rung. Die Philister waren wahrscheinlich ein nichtsemitisches Volk an der Küste Palästinas, ich sage bewußt wahrscheinlich, denn Toynbee lokalisiert sie im heutigen China. Wie der Begriff in die Studentensprache kam, entzieht sich noch meiner Kenntnis. Ich werde zu gegebener Zeit hierüber eine Theorie veröffentli- chen und zu einem Vortrag einladen. Wir kommen nun zur vierten und fünften Strophe, die wir zwar nicht singen, die aber der Vollständigkeit halber kurz erwähnt werden sollen. Die vierte Strophe handelt ausdrücklich von den im Berufsleben stehenden Alten Herren. Hier ist die Rede vom Bü- rokraten, der mit finsterem Amtsgesicht Relationen schreibt, das heißt auf deutsch: Berichte. Ich nehme an, daß Höfling hier be- sonders den Juristen im Auge hatte. Die hier anwesenden mögen mir das nachsehen. Bürokratie war also schon zu Höflings Zeiten ein Problem. Ferner werden in dieser Strophe der Pädagoge besun- gen, der beim Unterricht seufzt, was besonders in der heutigen Zeit leicht nachzuvollziehen ist, der Journalist, der Rezensi- onen verfaßt, also Kritiken, der Pfarrer, der die sünd'ge Seele schillt (warum denke ich bloß dabei immer an Herrn Pfarrer Menne - für Auskünfte stehe ich später gerne zur Verfügung) und der Mediziner, der jene, nämlich die sünd'ge Seele flickt, wobei manche sehr bewußt beim Verb "flickt" das l weglassen, so daß das Wort eine etwas andere Bedeutung erhält - honi soit, qui mal y pense. Weniger anzüglich ist die fünfte Strophe, die einen Ap- pell an alle Burschen beinhaltet, sich dieser Zeit nicht nur zu erinnern, sondern sie sehr bewußt weiterzutragen: auf Kneipen, aber auch im Herzen, denn: "Die alte Schale nur ist fern, ge- blieben ist uns doch der Kern und den laßt fest uns halten." Es würde sich also anbieten, diese Strophe heute auf dem Altherren- abend zusätzlich zu den uns bekannten zu singen. Ich darf die Führung bitten, sich das zu überlegen. Die sechste Strophe, unsere vierte, ist so verständlich, daß sie keiner weiteren Erläuterung bedarf. Mir fällt dazu nur ein Wort ein, ein wunderschönes Wort, und das heißt: Prost. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.