20 Jahre Burschenschaft Hasenlauf
eine Betrachtung von Dr. Georg Albert Kötteritzsch
![]()
Hochansehnliche Festgesellschaft,
als ich vor etlichen Monaten gebeten wurde, hier und heute über ein bemerkenswertes Jubiläum zu sprechen, war ich zunächst unsicher. Schon wieder eine Rede, die letzte liegt noch keine sechs Jahre zurück, und eigentlich ist damals alles, was zu sagen ist, auch gesagt worden.
Aber Pflichten entstehen bekanntlich dadurch, dass man nicht beizeiten nein sagt, aber ich will auch nicht das Pfund zum Zentner machen, der Starke kennt seine Pflichten, der Schwache seine Rechte, und so ist es mir eine Ehre und Freude zugleich, der Burschenschaft Hasenlauf meine Reverenz zu erweisen. Im übrigen wird Schmecko meinen Vortrag musikalisch umrahmen, wobei die Lieder, die er anstimmt: Pippi Langstrumpf, den Krönungsmarsch für Kaiser Wilhelm III, und den bayerischen Defiliermarsch gleichsam die zentralen Themen meiner kurzen Festrede musikalisch variieren.
Hochansehnliche Festgesellschaft,
Ich beginne also, ganz konservativ und traditionell, denn niemand ist über sein Können hinaus verpflichtet, mit der alles entscheidenden Frage, was feiern wir eigentlich, und noch viel wichtiger, warum feiern wir 20 Jahre?
Gut, man könnte schnell zur Tagesordnung übergehen, und sagen, wir sind uns selbst genug, und wenn wir feiern, dann feiern wir eben, Punktum. Das erinnert mich sehr an die Antwort vieler Amerikaner, die gefragt, warum sie Kerry und nicht den amtierenden Präsidenten Bush wählen, antworten: ABB. Anything, but Bush. Oder an Theodor Wiesengrund Adornos unvergessene Aussage über die Tonkunst: Ja, ja die Musik. Aber das ist mir dann doch zu wenig substantiell, ein bisschen konkreter sollte es schon sein.
Nein, die Frage, warum wir uns der 20 Jahre feierlich erinnern, die seit der Gründung in den verrauchten Hinterräumen einer dunklen Schankstube vergangenen sind, hat mich in den zurückliegenden Stunden sehr beschäftigt, und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, wir feiern uns, weil es der Natur so gefallen hat. Ja, wir sind eine Laune der Natur, aber eine ihrer schönsten.
Anders formuliert, wenn wir nicht zehn, sondern acht Finger hätten, würden wir vermutlich sechzehn Jahre oder vierundzwanzig Jahre Burschenschaft Hasenlauf und nicht zwanzig Jahre feiern, nun leben wir aber in einem Dezimalsystem, und zwei mal zehn macht zwanzig, das wusste weiland schon die Pippi Langstrumpf, jedenfalls so ungefähr, und dieses Lied ist nicht zufällig auf der heute nur noch antiquarisch zu beziehenden CD „Hasenklänge“ zu hören. So baut das eine auf dem anderen auf, und die Antwort auf meine Gretchenfrage: Warum feiern wir eigentlich zwanzig Jahre, lässt sich folglich kurz und bündig formulieren. Das Dezimalsystem ist schuld. Hören wir nun auszugsweise die Anfangssentenz oder –sequenz, wie immer es beliebt, von Pippi Langstrumpf.
Hochansehnliche Festgesellschaft,
Wir kommen spät und gehen früh, ich hoffe nicht, dass das auf die heutige Feier oder gar die Geschichte der Burschenschaft Hasenlauf zutrifft, diesem späten Kind der Aufklärung und letztem Urenkel des Grenzgangs – nebenbei: ich vermeide auch künftig das Kürzel BSH, es hat zu viel phonetische Ähnlichkeit mit einem anderen Akronym, das eine Krankheit bezeichnet, von der freilich niemand vor viermal fünf Jahren etwas ahnen konnte, und ich würde jetzt hinzufügen, wäre es nicht viel zu politisch, und das ist gut so!
Also noch mal: 20 Jahre Burschenschaft Hasenlauf, wer hätte das vor 27 Jahren für möglich gehalten, als der erste Versuch, eine neue Grenzgangsgesellschaft zu gründen, an der Lebensplanung des damals designierten Ersten Führers scheiterte? Auf welche großartigen Erlebnisse hätten wir verzichten müssen, hätte es nicht den Ehrgeiz von Männern der ersten Stunde gegeben, die auch in der grenzgangslosen schrecklichen Zeit am hehren Ziel, die Geschichte unseres in Deutschland, Europa und der ganzen zivilisierten Welt einmaligen Heimatfestes um ein wichtiges Kapitel zu bereichern, festgehalten hätten!
Wir hätten nie das Wunder vom Aue-Stadion erlebt, als eine namenlose Elf, der krasse Außenseiter, Fußballgeschichte schrieb und nach phantastischem Kampf den Pokal der Pokale holte. Manche verglichen dieses Ereignis mit Wimbledon 1985. Nie hätten wir im Forum über den Nutzen und den Nachteil der Kreter-Lüge diskutieren und über sozialdemokratische Postbeamte reflektieren können. Ich hätte nie meinen guten Freund Rainer Henkel mit „Mein Führer“ ansprechen dürfen, leider endet bald seine Amtszeit, denn der Grenzgang ist demokratisch verfasst, ja, ich gehe so weit, zu sagen, dass im Pulk der sich auf die Frühstücksplätze zu bewegenden Grenzgänger wenigstens zeitweise, für einige Stunden, das Marxsche Ideal der klassenlosen Gesellschaft verwirklicht ist.
Gut, es bestehen Hierarchien, alle Grenzgänger sind gleich, aber manche sind gleicher, dennoch: auf Lebenszeit ist niemand gewählt, grundsätzlich kann jeder Führer werden, oder fast jeder, und es gibt keinen Kaiser, auch wenn das zumindest einer unter uns sehr bedauert, von dem bekannt ist, dass er zwar völlig apolitisch, aber kaisertreu ist. Hören wir jetzt einen Auszug aus dem Kaisermarsch, komponiert vom Burschen Martin Heinrich Schmeck in den Iden des Oktobers anno 1982.
Aber sieben Jahre, um auf mein eigentliches Thema zurückzukommen, tun es auch, für eine längere Amtsperiode wurden in der deutschen Geschichte nur die preußischen Oberbürgermeister und Landräte gewählt, und die hatten eine quasi monarchistische Stellung, also kommen die Grenzgangsführer gleich nach den preußischen OBs und Landräten, und vielleicht tröstet das die Monarchisten unter uns ein wenig.
Gäbe es die Burschenschaft Hasenlauf nicht, wir hätten nie den Kampf um ein abgestandenes, halbvolles Bierglas erlebt, der sich zu mitternächtlicher Stunde vor fast zwei Jahrzehnten hier an diesem Tresen ereignete. Es war ein Kampf, der die Kontrahenten zu ungeahnten und nie für möglich gehaltenen Leistungen anspornte, und zu den Höhepunkten in der Geschichte unserer Burschenschaft zählt. Im Übrigen endete die Auseinandersetzung remis, denn ein gänzlich Unbeteiligter nahm sich des Bieres an und trank es aus bis auf dem Grund, der Hund, wie es in einem bekannten Studentenlied heißt.
Es sind diese und andere Geschichten, die den Reiz des Grenzgangs ausmachen. Ich persönlich finde es auch höchst interessant, wie der Grenzgang, wie diese drei Tage, Menschen verändern. Ja, ich scheue mich nicht, zu sagen, wie sie mutieren, und je näher der Grenzgang, dieses magische Wort, rückt, um so mehr. Da werden plötzlich und unvermutet gestandene Linksliberale zu orthodoxen Grenzgängern, die jeden Kompromiss ablehnen, der die Tradition unseres Festes auch nur im entferntesten verwässern würde.
Konservative, die im zweiten – im grenzgangslosen - Leben, ja, es gibt ein Leben nach dem Grenzgang, wenigstens glauben das einige, diese Konservativen, die in Passau weinten, als weiland FJS unter den Klängen des Bayerischen Defiliermarsches – hören wir auch hier wieder einen Auszug. Maestro, -, diese Konservativen par excellence werden zu den liberalsten Grenzgängern, die die Gesetze dieses Festes milde auslegen, und das Schöne daran ist, niemand stört es, wenn man sich während dieser Tage so ganz anders gibt als im alltäglichen Leben, denn beim Grenzgang ist alles erlaubt, und der Rest ist verboten, wie es mein verstorbener Großvater Albert, auch er ein begeisterter Grenzgänger, zu sagen pflegte. Und recht hat er: Was ist der Grenzgang, lebensgeschichtlich und philosophisch betracht, anderes, als ein großartiges Moratorium des Alltags, also eine Entlastung vom Alltag.
So gesehen, bekommt das Wort Grenzgänger eine andere, mehr symbolische Bedeutung. Walter Flex, ein heute vergessener, zu seiner Zeit aber sehr beliebter Autor, sprach vom Wanderer zwischen beiden Welten, und das sind die Biedenköpfer bestimmt bald wieder, spätestens im August 2005, wenn über die Stadt der Ausnahmezustand verhängt wird und die von mir beschriebenen Metamorphosen von den Einwohnern Biedenkopfs unerbittlich Besitz ergreifen. Das ist der Stoff, aus dem die Helden sind.
Hochansehnliche Festgesellschaft
Da die Zeit knapp ist, wir kommen spät und gehen früh, werde ich bereits an dieser Stelle die häufigste Lüge eines Redners zitieren: „Ich komme jetzt zum Schluss!“ Im Ernst, ich möchte vermeiden, was so oft beim Anhören festlicher Reden entsteht und was ich als eine neue Form der Neurose bezeichne: die Angst des Zuhörers vorm Gemeinplatz. Also höre ich jetzt wirklich auf, wenigstens fast, denn eins darf ich schon noch sagen, weil es mir sehr wichtig ist.
Ich möchte dem Jubilar, der Burschenschaft Hasenlauf, das zurufen, was man jedem Jubilar zuruft: ad multos annos, auf viele weitere Jahre. Ich rufe der Burschenschaft Hasenlauf ein ewiges vivat, crescat, florat zu. Möge sie leben, blühen und wachsen. Und ich rufe allen Mitgliedern der Burschenschaft Hasenlauf und ihren Gästen zu: Nunc est bibendum. Nun muss getrunken werden. Ich bedanke mich für Eure geschätzte Aufmerksamkeit.
Dieser Text steht als PDF-Dokument hier zum Download bereit
![]()
© Copyright Dr. Georg Albert Kötteritzsch, letzte Änderung: 09.11.2004