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| Am Morgen des 14.
August wurden letzte Vorbereitungen getroffen, um planmäßig gegen Mittag in See zu
stechen. An diesem Tag sollten sich Dinge ereignen, deren Glaubwürdigkeit man in Frage stellen könnte, wären da nicht die beteiligten Zeitzeugen, die jederzeit auf ihren Durst schwören können, daß die folgenden Schilderungen ausschließlich der Wahrheit entsprechen. - Eine erfolgreiche Seefahrt erfordert ein zuverlässiges Schiff, eine gewissenhafte Planung, eine geübte Mannschaft und ein unabdingbares Gottvertrauen. Dem kommt entgegen, wenn zur Mannschaft erfahrene Offiziere gehören, die durch Weitblick und Entschlossenheit überzeugen. Zu den Grundprinzipien der christlichen Seefahrt zählte es, daß Kapitän und Offiziere vor dem Ablegen eine übereinstimmende Vorstellung über das beabsichtigte Fahrtziel haben. Noch besser ist es, wenn auch die Mannschaft davon informiert ist. Ein beispielhafte Überprüfung der Mannschaft ergab, daß zumindest einige Matrosen eine Vorstellung davon hatten, in welche Himmelsrichtung die Reise gehen sollte. |
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Der
Bord-Meteorologe erfasste die Wetterlage und kam nach kurzer Bewertung der klimatischen
Parameter zu der Empfehlung, angesichts bevorstehender Weststürme mit den Schiffen im
Hafen zu verbleiben und wetterfeste Schankstätten aufzusuchen. Sein Bericht wurde allerdings vom Kapitän grundlegend in Zweifel gestellt. |
| Also
beauftragte der Kapitän den zweiten Meteorologen, die Untersuchung zu wiederholen und die
Einschätzung des ersten Meteorologen zu verifizieren. Durch den Einsatz modernster meteorologischer Meßverfahren wurden die bestehenden Erkenntnisse bestätigt. Auch der Hilfs-Experte empfahl angesichts der Großwetterlage auf das Auslaufen zu verzichten und bekannte Fluchtstätten an Land aufzusuchen. |
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Der
Kapitän hingegen widersetzte sich diesen Empfehlungen. Er bezweifelte die Methodik der
Erkenntnisgewinnung und empörte sich über die vorgeblich wissenschaftlich gefestigte
Vorgehensweise. Kaum aus dem schützenden Hafen ausgelaufen, gab der Kapitän also
überraschend den Befehl zur vollen Fahrt voraus. Unverständlich. Wollte der Kapitän die Wetterwarnungen wirklich ignorieren? Oder hatte er sie nicht verstanden? Hatte er ernsthafte Zweifel an der Kompetenz seiner Wetterberater? Wo war übrigens der Kapitän kurz vor der Abfahrt? Fragen über Fragen. Ob der Internationale Seegerichtshof diese Fragen später wird vollständig klären können? Statt bei Hafenausfahrt dem Wind von achtern die Rah in
gebührender Weise in der Quere entgegen zu halten, übten sich die angehenden
Leichtmatrosen im Bild links darin, ihre verschwitzen Socken an den Wanten zu lüften. Nachdem die Socken vermeintlich sicher befestigt waren, vermehrten sich die Anzeichen, daß die Lage ernst zu werden drohte. |
| Tückische
Böen verunsicherten die unerschrockene, aber vollends ungeübte junge Mannschaft. Nicht
zu Unrecht. Kaum auf die Weite des Meeres hinausgeworfen, forderten die
Naturgewalten ihren Tribut. In Minutenschnelle wurde das Schiff von den plötzlichen
Stürmen ergriffen - Windstärke acht etwa - und vollkommen unvermittelt rückte die
Gefahr des Berstens näher. Was nun nicht mehr verwunderte - der Steuermann verlor die
Kontrolle über das Schiff in Kürze und in Gänze. Statt den Anweisungen des Kapitäns
Folge zu leisten und das Großsegel zu raffen, setzte eine unvermittelte Umtriebigkeit
einer kleinen konspirativen Gruppe ein. Angesichts der stürmischen Witterung sahen diese
agilen Matrosen (Insider sprachen von "Pulsschlag") ihre Stunde gekommen. Hatten
sie doch auf diese Gelegenheit inständig gewartet, um in dieser Phase größter Not ihre
in aller Diskretion entwickelte "Meerjungfernfangmaschine" zu installieren! |
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Eine der
Folgen war, daß die im Unterdeck versorgten Gefangenen um ihr Leben fürchten mußten. Eine Kontrolle aller Zellen im Unterdeck ergab, daß die Gefangenen lautstark um Hilfe riefen, der schichtführende Verbindungsoffizier aber über seiner Zeitungslektüre eingeschlafen war. Wieder ein Fall für das Seegericht. |
| In kürzester Zeit
erwuchs eine derart ernste Lage, daß es erforderlich schien, die Gefangenen unter Deck zu
befreien, andernfalls sollten sie den unbarmherzigen Gewalten der Meere zum Opfer fallen
und ín den einbrechenden Fluten ertrinken. Es dauerte allenfalls Sekundenbruchteile, da hatte sich die Nachricht von der Gefangenenbefreiung in Sturmeseile unter Deck herumgesprochen. Die Wärter konnten dem Druck der Massen nicht mehr standhalten. Welch' einmalig historisches Ereignis! Schon der Großvater hatte unter Deck der "MS Gouda" unter Peitschenhieben mit den Füßen Holzpantinen schnitzen müssen und wurde mit Daumenzwingen dazu genötigt, mit den verbleibenden Fingern Tomaten rot anzumalen. Und jetzt hieß es plötzlich: Freiheit! Kaum zu glauben! |
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Vollkommen unterkühlt
und vom unerwarteten Sonnenlicht geblendet erfreuten sich die zeitweilig aus dem Unterdeck
entlassenen Gefangenen nun dankbar an der frischen Luft der aufgewühlten See. Die von der "Bierzentrale Achenbach" mitgeführten Frischwasserbehälter waren glücklicherweise aufgrund neuartiger Verschlußtechnik vor unmittelbarem Zugriff der dürstenden Gefangenen geschützt. Schon seit dem 15. Jahrhundert ist die niederländische Seefahrt für die harten Sitten an Bord bekannt. Vermeintlich einfachste Vergehen, wie etwa nächtliche Sachbeschädigungen oder unerlaubtes Öffnen von Lebensmittelverpackungen haben gestrenge Strafen zur Folge, um die Disziplin an Bord nicht zu gefährden. |
| Nur unter der
gestrengen Kontrolle des gewissenhaften Aufsichtspersonals konnten den Gefangenen die
Fußfesseln gelöst werden. Aber es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, daß der Spuk der Freiheit angesichts nachlassender Winde am Abend wieder ein Ende nehmen sollte. Die Gefangenen wurden wieder an ihre angestammten Plätzen im Unterdeck, erkenntlich an ihren zugewiesenen "Nummernplatten", angekettet und wurden damit beauftragt, aufgerissene Aufbackbrötchenpackungen wieder zu verschließen. |
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Die zeitweilige
Befreiung der Gefangenen war der beherzten Fürsprache des Schiffspastors zu verdanken. Dem christlichen und vorausschauenden Einsatz der Eminenz wurde von Käpt'n Ahab in gebührender Weise gedankt. |
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© Copyright Eckhard Henkel
Letzte Änderung am 21.09.99